.

Die Verkündigung des Evangeliums für taubblinde Menschen

Von Ruth Zacharias

Nach meinem Theologiestudium und nach mehreren Jahren im Dienst für taubblinde Menschen wurde ich 1975 als Pastorin der Evangelischen Kirche ordiniert und mit dem weiteren Aufbau der Taubblindenarbeit beauftragt. Seit dieser Zeit hat mich die Verkündigung des Evangeliums für taubblinde Menschen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit beschäftigt.

Mit der Verleihung des Life-Time-Award durch Deafblind International 2015 ist dieses Anliegen für mich noch entscheidend wichtiger geworden.

40 Jahre Wegstrecke von 1975 bis 2015 – auch das scheint Bedeutung zu haben.

Wie kommt das Evangelium weltweit zu taubblinden Menschen?

Pfarrer Volkhard Scheunemann war zusammen mit seiner Frau von 1963 bis 1982 in Indonesien als Missionar und als theologischer Lehrer am Bibelseminar in Batu tätig, gesandt durch „Weltweiter Einsatz für Christus international (WEC international). Von 1985 bis 1993 war er Leiter von WEC Deutschland. Trotz seines hohen Alters schlägt sein Herz immer noch für die Mission.

Seit 2010 begleitet er mich. Taubblinde Menschen hat er inzwischen kennengelernt. Bei den Klausurtagen war er maßgeblich führend dabei. Glaubend und priesterlich betend sind wir regelmäßig telefonisch zusammen.

Sein Berufungswort aus Jesaja 42,1-4 für seinen missionarischen Auftrag in Indonesien hat er für mich 2016 mit den nachstehenden Versen in Jesaja 42, 6 und 7 „empfangen" und an mich weitergegeben: „... Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den klimmenden Docht wird er nicht löschen. Ich, Jahwe, habe dich gerufen in Gerechtigkeit und halte dich bei der Hand und behüte dich und mache dich zum Bund für das Volk, zum Licht der Heiden, dass du die Augen der Blinden öffnen sollst und die Gefangenen aus dem Gefängnis führen und, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker." Christus ist der Bund. In seiner Person vereinigt er den Herrn als Bundesspender und das Volk. Im Abendmahl gibt er uns teil an dem neuen Bund in seinem Blut, dem Bundesblut. Deswegen möchte er durch uns seinen Bund verbreiten lassen für alle, die es nötig haben: das Volk, die Heiden und besonders die „Blinden", denen die Herzen erleuchtet werden sollen und die Taubblinden in ihren finsteren Kerkern, die aus der Gefangenschaft herausgeführt werden sollen.

In den Jahrzehnten unserer Taubblindenarbeit haben wir Kenntnis von taubblinden Menschen bekommen,
  • die ihren Glauben an Jesus Christus leben,
  •  die ein starkes Zeugnis der Dankbarkeit trotz der Taubblindheit ausstrahlen,
  •  die im Abendmahl die Gegenwart Jesu Christi erfahren,
  •  die als „Behausung für Dämonen" ihr Leben fristen,
  •  die als „Behausung für Totengeister" mit ihnen zusammen leben,
  •  die als „Besessene" wahrgenommen werden,
  •  die im „Kerker" mit geraubtem Menschsein gefangen sind.
Wie kommt das Reich Gottes zu taubblinden Menschen?

Biblisch-theologisch haben uns sehr viele Fragen beschäftigt. Viele Antworten suchen wir immer noch!


Ich zitiere dazu aus meinem Buch „Gottes Kraft – Das Geheimnis der Schwachheit" ein Kapitel:

"Meine Berufung in meinem Beruf"

"Rund 2000 taubblinde Menschen habe ich kennen gelernt. Kommunikation in der Vielfalt habe ich praktiziert, allein und mit vielen Helfern im Laufe der Jahrzehnte.
Verkündigung und Seelsorge für diesen Personenkreis – meine Theologie wurde immer wieder „gefiltert" durch die vielen Situationen, in die ich mit meinem Auftrag gestellt war: Die Liebe Gottes verstehbar, verstehbarer für taubblinde Menschen zu machen. So hatte die Kommunikation von Anfang an besondere Inhalte, biblische Inhalte – aus diesem dicken Buch herauszufinden, was taubblinde Menschen wissen und kennen mussten. Immer habe ich darum gerungen und darunter gelitten, nur so wenig verkündigen zu können – unter anderem aus zeitlichen Gründen, aus sprachlichen Gründen, aus Verstehensgründen. Maßstab in der Verkündigung war immer der Schwächste.
Ich erinnere mich an die erste Abendmahlsfeier, die ich nach meiner Ordination halten durfte. Sie gehörte zu einer Rüstzeit von zehn Tagen mit täglichen Bibelarbeiten. Mein Herz war voller Freude über die Liebe Gottes, viele biblische Texte hatte ich überlegt und angeschaut. Was soll verkündigt werden? Was wird in dieser Gruppe verbal aufgenommen und verstanden? Ich bete und ringe und verstehe durch das Wirken des Heiligen Geistes: Die Mitte der biblischen Botschaft ist die Liebe Gottes in Jesus Christus zu allen Menschen. Wiederum: Im Abendmahl nehmen wir in Brot und Wein Jesus selber auf; er erniedrigt sich so, dass er in uns Wohnung nimmt.
Ich entschließe mich, mit einer Abendmahlsfeier zu beginnen. Die Predigt mit zehn Sätzen kann jeder aufnehmen, die Einsetzungsworte und Gebete ebenfalls. Eine licht- und friedevolle Atmosphäre erfüllt den Raum und die Herzen der Schar, die in Armut und Schwachheit im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zusammen ist.
Eine Teilnehmerin hält mich beim Herausgehen am Talar fest und wartet, bis sie die Letzte ist. Sie lormt in meine Hand: „Ich habe gespürt: Jesus war unter uns." Sie klatscht vor Freude in ihre Hände.
Dreimal halten wir in dieser Rüstzeit das Abendmahl. Ein Schlüsselerlebnis hatte stattgefunden: eine Erkenntnis durch den Heiligen Geist, der schöpferisch tätig wird, damit Jesus lebendig, persönlich erkannt werden kann.
Das verbal Wenige, was in der Verkündigung zur Sprache kommen kann, hatte in dieser Rüstzeit die Mitte gefunden. In den Jahrzehnten hat das Abendmahl eine zentrale Bedeutung bekommen und behalten. Ich ringe und rätsele immer noch um das Geheimnis im und durch das Abendmahl, gerade für solche taubblinden Menschen, mit denen es keine verbale Kommunikation gibt. Der Heilige Geist, als Schöpfergeist, hat „Zutritt" zu jedem Menschen, den ich als Geschöpf Gottes sehe und verstehe; er kommuniziert „Jesus", er dolmetscht das, was ich nicht zu tun vermag; dennoch bin ich an diesem Geschehen beteiligt durch Gebet und Glauben. Mehr und mehr will ich die Offenbarung der Liebe Gottes durch das schöpferische Wirken des Geistes für die „Kerker" erwarten, wie ich die Taubblindheit bei denen wahrnehme, mit denen nicht kommuniziert werden kann – verschlossene Türen öffnet der Heilige Geist.
Die Wortverkündigung in Bibelarbeiten, Andachten und Andachtsbriefen und seelsorgerlichen Gesprächen klärt sich im Laufe der Praxis mit Inhalt und Umfang mehr und mehr. Grundsätzlich weiß ich: Das biblische Wort in einfacher Sprache kommt in den Herzen der Schwächsten an.
Ich denke an die vielen Hausbesuche, die ich in den Jahrzehnten gemacht habe, immer auch in dem Bewusstsein des Auftrages mit meiner Berufung im Beruf. Neben einem taubblinden Menschen sitzen, sich niederlassen mit Zeit, mit Spezialarbeit in der Kommunikation und das in unendlich verschiedenen Situationen: in eigenen Wohnungen allein oder mit Angehörigen, in Heimen, zum Kennenlernen, zum Geburtstag, für eine Abendmahlsfeier, für seelsorgerliche Fragen, im Krankenhaus, in der Nähe des Todes. Was kann ich tun? Welche Hilfen kann ich geben? Was ist das Wichtigste und Eigentliche in solchen Stunden, für die ich hunderte von Kilometern unterwegs bin? Mir wird bewusst – meine segnenden Hände gehören zu meinem Auftrag. Ich befasse mich mit dem biblischen Befund und beginne fragend und zögernd zu tun, was geraten ist. Körperkontakt auf diese Weise im Zusammenwirken mit dem Heiligen Geist erschließt sich mir als Segensquelle, dennoch bin ich viele Male ungehorsam und werde schuldig an diesem meinem Auftrag.
In den letzten Jahren bewegen mich zunehmend Bibelstellen, für die es noch wenig Licht und keine Erfahrungen gibt.
Riechen, Schmecken und Tasten sind wichtige Sinneswahrnehmungen für taubblinde Menschen, schon deshalb, weil Sehen und Hören nicht oder eingeschränkt in Funktion sind. Dass es Bibeltexte im Zusammenhang mit unseren Sinnen gibt, ist Grund dafür, sich in der Taubblindenarbeit damit zu beschäftigen, speziell auch für die Verkündigung.
Das Schmecken hat seine Bedeutung beim Abendmahl, wenn Psalm 34 einbezogen wird: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist." Mit Brot und Wein wird Christus aufgenommen. Was der Heilige Geist im Einzelnen dabei dolmetscht, darf empfangen werden, bleibt aber auch als Geheimnis offen. Das Tasten geschieht mit den Händen. Da gibt es die Verbindung zu den segnenden Händen; ebenfalls mit der Kommunikation durch den Heiligen Geist.
„... ein Wohlgeruch Christi" (2. Korinther 2,14) in Verbindung mit der Aussage und Erfahrung: Mensch ist „Geruch" – Was kommt „rüber" für taubblinde Menschen, wenn Christus in uns wohnt, wenn seine Liebe uns erfüllt? 1. Korinther 6,19 darf sicher als Ergänzung dazu gedacht werden, dass unser Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist.
Meine Theologie wird wieder „gefiltert" durch das biblische Wort, das als Wahrheit gelten soll, und diese Wahrheit darf sich mir erschließen, nicht anders als durch die Kommunikation des Heiligen Geistes mit und in mir, immer noch um des Auftrags Willen; dafür will ich mich öffnen.
In allem, was ich im Zusammensein mit taubblinden Menschen erfahren habe, ist die Stummheit die Behinderung, die mir am meisten zu schaffen macht. Sprache ist Menschsein in allumfassendem Sinn. Was bedeutet dann die Stummheit mit all ihren Auswirkungen? Nicht sprechen können, ohne andere Behinderungen, ist im Umgang mit und in der Beziehung zu Menschen schon schwierig genug; wenn Blindheit oder Taubheit oder beides dazu kommen, dann ist Menschsein auf einer Ebene gegeben, die weitgehend „außerhalb" des Menschseins gelebt werden muss, und dennoch gilt – ein Geschöpf Gottes! In Matthäus 9,33 wird ein Stummer mit einem dämonischen Geist, in Matthäus 12,22 ein Stummer-Blinder mit dämonischen Geistern von Jesus geheilt. Gestörtes, geraubtes Menschsein sind hier dämonisch verursacht. Zum biblischen Auftrag gehören Verkündigen, Heilen, Dämonen austreiben ... Ich brauche noch sehr viel Kommunikation durch den Heiligen Geist, dass Hilfen werden, dass die Liebe Gottes offenbar wird.
Neben den durch Krankheit verursachten Behinderungen hatte ich es auch in den Jahrzehnten mit dämonischen Phänomenen zu tun. Dämonen konnten ausgetrieben werden; die Behinderungen blieben. Fragen dazu müssen immer noch ohne Antwort ausgehalten werden. 
Ich kann mich an ein Gespräch mit dem Theologieprofessor Heinrich Vogel erinnern, bei dem wir versucht hatten, Taubblindheit zu verstehen. Taubblinde Menschen können sich weitgehend nicht schützen, sind sehr schnell vielen Unsicherheiten und Ängsten ausgeliefert, so dass Einfallstore für Dämonen gegeben sind – das war eine Sicht von ihm.
Psychisch erkrankte taubblinde Menschen sind jetzt auf unseren Weg gekommen; wieder ein Auftrag für mich, für uns alle!"

Aus: Ruth Zacharias: „Gottes Kraft - das Geheimnis der Schwachheit", Seite 254 bis 257, siehe auch → hier

Dieser Artikel wurde bereits 293 mal angesehen.